
Am 18. August 2025 ist der Soziologe und Kriminologe Fritz Sack im Alter von 94 Jahren verstorben. Mit ihm verliert die deutschsprachige Kriminologie eine ihrer bedeutendsten Stimmen – einen Wissenschaftler, der mit intellektueller Schärfe, kritischem Geist und unerschütterlichem Engagement die Grundlagen des Fachs neu gedacht und eine ganze Forschergeneration geprägt hat.
Fritz Sack war einer der wichtigsten Vertreter und Mitbegründer der Kritischen Kriminologie in Deutschland. Mit seinen Analysen zu Strafrecht, Machtverhältnissen und sozialer Kontrolle forderte er eine grundlegende Neuausrichtung der Kriminologie – weg von der fixierten Betrachtung des „Täters“ hin zu einer gesellschaftsanalytischen Perspektive auf Kriminalität und Strafverfolgung. Seine Arbeiten zur selektiven Strafverfolgung, zur funktionalen Rolle des Strafrechts sowie zur Punitivität moderner Gesellschaften sind bis heute zentral für eine sozialwissenschaftlich informierte Kriminalitätsforschung.
In den Jahren 1984 bis 1996 war Fritz Sack Professor für Kriminologie an der Universität Hamburg und leitete dort das Institut für Kriminologische Sozialforschung (IKS), das unter seiner Leitung zu einem Zentrum kritischer kriminologischer Forschung wurde.
Als ich mein Studium am IKS aufnahm, war Fritz Sack bereits emeritiert, und sein Nachfolger Sebastian Scheerer hatte den Lehrstuhl übernommen. Dennoch war sein Einfluss im Institut deutlich spürbar: in den theoretischen Diskussionen, in der Haltung vieler Lehrender – und nicht zuletzt in der Sensibilität für gesellschaftliche Machtverhältnisse, die dem Labeling-Ansatz zugrunde liegt. Die Idee, dass Kriminalität nicht einfach „gegeben“ ist, sondern sozial zugeschrieben wird, war tief in die Institutsidentität eingeschrieben.
Unvergessen bleibt mir ein gemeinsames Seminar von Fritz Sack und dem ehemaligen Bundesverfassungsrichter Winfried Hassemer zum Thema Freiheit und Sicherheit, das sich mit Fragen der Kriminalpolitik im Zeichen zunehmender Überwachung und Kontrolle beschäftigte. Die abschließende Exkursion zum Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe war nicht nur eindrucksvoll, sondern auch Ausdruck eines Wissenschaftsverständnisses, das Theorie und Praxis miteinander in Verbindung bringt.
Fritz Sack war ein streitbarer Denker, der Kontroversen nicht scheute, sondern produktiv machte. Er verstand Wissenschaft als gesellschaftliche Intervention – nie als bloße Beschreibung, sondern stets als Stellungnahme. Seine Fragen an die Disziplin wirken bis heute nach: Was sagt es über eine Gesellschaft aus, wenn sie soziale Probleme dem Strafrecht überantwortet? Und: Welche Interessen, Deutungen und Machtverhältnisse strukturieren, was als „kriminell“ gilt?
Mit seinem Tod endet ein Kapitel der deutschsprachigen Kriminologie – aber das Denken, das er angestoßen hat, bleibt lebendig.
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[Update: 23.09.2025]

Für alle, die Fritz Sack kannten oder sein Wirken schätzten, gibt es auf dieser Seite die Möglichkeit, Erinnerungen, Gedanken oder Worte des Gedenkens zu teilen: https://memorialsource.com/memorial/fritz-sack