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Publikationen

Die nachstehende Auflistung stellt eine Auswahl aktuellerer Publikationen dar, die im Umfeld des Instituts für kriminologische Sozialforschung der Universität Hamburg entstanden sind. Die Auflistung ist in alphabetischer Reihenfolge der Autorennamen geordnet.

Gerritt Kamphausen: Unwerter Genuss: Zur Dekulturation der Lebensführung von Opiumkonsumenten

Opiumkonsum ist kulturfähig! Warum dies so ist, zeigt Gerrit Kamphausen anhand der Kultur- und Kriminalsoziologie des Opiumgebrauchs und einer kritischen Analyse von Drogendiskursen und der Drogenpolitik im 20. Jahrhundert.
Dabei steht die Wirkung von »Unwertideen« auf Formen der Drogenkultur und der Lebensführung der Konsumenten im Vordergrund. Die Untersuchung zeigt, dass sowohl der massenhafte Vertrieb von Drogen als moderne Konsumgüter wie auch das Totalverbot des Genusskonsums nicht geeignet sind, zu einem kulturell integrierten und damit möglichst schadfreien Drogengebrauch beizutragen.

Susanne Krasmann: Die Kriminalität der Gesellschaft: Zur Gouvernementalität der Gegenwart (Theorie und Methode)

Anknüpfend an Michel Foucaults Begriff der Gouvernementalität untersucht die Autorin, wie sich Formen der Menschenführung mit den Konzepten von Staat und Gesellschaft verändern. Denn so, wie sich gegenwärtig das Verhältnis von Staat, Ökonomie und Sozialem entlang gesellschaftlicher Kräfteverhältnisse neu formiert, werden auch die Adressaten des Regierens neu konfiguriert.
Ein Beleg hierfür sind die gesellschaftlichen Problematisierungen von Abweichung und Kriminalität. War der “Delinquent” im 19. Jahrhundert die Kategorie, mit der die Kriminologie sich als Wissenschaft zur Verteidigung des Sozialen etablieren konnte, so bringt die “Ökonomisierung des Sozialen” diese Kategorie eher zum Verschwinden. Soziale Probleme werden weniger an individuellen Tätern und Pathologien als an Risikomerkmalen und -gruppen festgemacht. Exemplarisch kommt diese Tendenz etwa im flächendeckenden Einsatz von Videoüberwachung in Einkaufszentren oder an öffentlichen Plätzen zum Ausdruck. Im Medium der Kamera wird Devianz zu einer Frage von Sichtbarkeiten und kontextabhängigen Ordnungen. Technische Formen der Kontrolle ermöglichen nicht nur die Identifizierung und Inkriminierung bestimmter Gruppen, die dann zu Adressaten neuer Strategien des Verantwortlichmachens und des Ausschlusses werden. Sie scheiden abweichendes und nicht abweichendes Verhalten entlang einer neuen, flexiblen Funktionslogik.
Die Autorin analysiert, inwiefern diese Entwicklungen systematisch das alltägliche Leben der Gegenwart bestimmen und damit auch die Konzepte der Soziologie neu auszuloten wären: Das “Soziale” ist nicht nur als ein Referenzfolie von Politik fragwürdig geworden, sondern auch als das bestimmende Element soziologischer Theorien.

Susanne Krasmann (Hrsg.),  Ulrich Bröckling (Hrsg.), Thomas Lemke (Hrsg.): Glossar der Gegenwart

Das Glossar der Gegenwart versammelt die Leitbegriffe von heute. Rund fünfzig Artikel untersuchen Konzepte von »mittlerer Reichweite«, aber hoher strategischer Funktion, die in den aktuellen Debatten eine Schlüsselstellung einnehmen: Deutungsschemata, mit denen die Menschen sich selbst und die Welt, in der sie leben, interpretieren; normative Fluchtpunkte, auf die ihr Selbstverständnis und Handeln geeicht sind; schließlich konkrete Verfahren, mit denen sie ihr Verhalten zu optimieren suchen. Die Artikel präparieren die Antinomien gegenwärtiger Selbst- und Sozialverhältnisse heraus und verbinden wissenschaftliche Analyse mit politischer Diagnostik und Kritik. In der Summe ergibt sich ein Register zeitgenössischer »Menschenregierungskünste« (Foucault). Stichworte (Auswahl): Assessment Center / Biopolitik / Coaching / Commitment / Cool / Empire / Erlebnis / Evaluation / Flexibilität / Good Governance / Humanitäre Aktion / Just-in-Time / Kreativität / Kundenorientierung / Lebenslanges Lernen / Leitbild / Nachhaltigkeit / Performance / Risiko / Synergie / Wellness / Zukunftsfähigkeit

Susanne Krasmann: Rationalitäten der Gewalt

Moderne Gesellschaften beruhen auf dem Selbstverständnis, Gewalt einzuhegen; zugleich sind das Recht und die Pflicht zur Gewaltanwendung Grundprinzipien moderner Staatlichkeit. Gewalt, Ordnung und Staatlichkeit sind demnach konstitutiv aufeinander bezogen – und ihr Verhältnis ist prekär. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts erscheint das Konzept moderner Staatlichkeit umstrittener denn je. »Rettungsfolter«, »gerechte Kriege« oder »Sicherheitsstaat« sind Stichworte aus Diskussionen, die aktuelle Verschiebungen anzeigen. Der Band bietet interdisziplinäre Perspektiven auf historische Kontinuitäten und Brüche staatlicher Ordnungspolitik in der Gegenwart.Mit Beiträgen u.a. von Judith Butler, David Garland und Alf Lüdtke.

Gabi Löschper: Bausteine für eine psychologische Theorie richterlichen Urteilens

Die kriminologische Analyse der strafrichterlichen Urteilsbildung wäre ohne Berücksichtigung der psychologischen Ebene unvollständig. Eine kritische Bestandsaufnahme der bisherigen rechtspsychologischen Forschung zum richterlichen Urteilen zeigt, daß eine kognitivistische und individualistische Betrachtung vorherrscht, die strafrichterliches Urteilen als Vorgang der Abbildung von Realität und Verarbeitung von Informationen auffaßt. Die Arbeit stellt dieser Sichtweise Theoriemodelle und Studien aus verschiedenen Disziplinen (Sozialpsychologie, Linguistik, Rechtswissenschaft) gegenüber, die Konstruktionsprozesse im Strafprozeß fokussieren. Die so entworfene Skizze einer psychologischen Theorie erfaßt einerseits die Struktur des richterlichen Urteilens und enthält auch ein Konzept des Richters als darin aktiv handelndem Akteur. Dabei weist sich strafrichterliches Urteilen als sozial regulierte Narrations- oder Diskurspraxis aus, mittels der im täglichen Handeln der Richter soziale Strukturen hergestellt und reproduziert werden.

Gabi Löschper: Kriminalität und soziale Kontrolle als Bereiche qualitativer Sozialwissenschaft

Zusammenfassung: Die Eigenschaft “kriminell” wohnt einem Vorfall nicht inne, sondern ist Resultat sozialer Beurteilungsprozesse – “Kriminalität” wird in Interaktions- und Aushandlungsprozessen in und mit den Instanzen sozialer Kontrolle und in gesellschaftlichen Diskursen konstituiert. Daher kann “Kriminalität” sinnvoll nur qualitativ untersucht werden. Der Beitrag nennt Beispiele der Anwendung qualitativer Forschung (Ethnographie, hermeneutische Wissenssoziologie, Ethnomethodologie/Konversationsanalyse, Diskursanalyse und Erzählmodell) vor allem zu devianten Subkulturen, Anzeigeverhalten und polizeilicher Ermittlung und Strafgerichtsprozeß.

Gunnar Meinecke: Zur White-Collar-Kriminalität im Gesundheitswesen am Beispiel der Zahnmedizin

In diesem Buch geht es um die Ursachen und Erscheinungsformen der Kriminalität im Bereich der Zahnmedizin. Behandelt werden in dieser mehrperspektivisch angelegten Pilotstudie unter anderem die folgenden Themen: a)Eigendynamische Prozesse der Entstehung und Verstärkung von abweichendem Verhalten b) personelle, strukturelle und prozedurale Aspekte der White-Collar-Kriminalität c) die Bedeutung der Latrogenesis, d.h. der durch die Medizin selbst erzeugten Krankheiten d) die Ineffektivität der Kontrollmechanismen e) das enorme Dunkelfeld und die Barrieren gegen seine Aufhellung f) Chancen und Risiken von Patienten-Initiativen.

Bettina Paul: Drogenschmuggel. Hamburger Ansichten einer klandestinen Tätigkeit. Eine Analyse der Außenbetrachtung des Schmuggels legaler und illegaler Drogen seit Mitte des 20. Jahrhunderts.

Schmuggel ist nicht nur ein traditionsreiches Unterfangen – er beschäftigt auch seit jeher den Zoll, die Polizei, die Justiz, die Medien und über diese die Phantasie der Menschen. In Hafenstädten spielt der Schmuggel eine besonders große Rolle – vor allem dort, wo es lebhafte Freihäfen gibt, wie etwa in Hamburg. Die Autorin untersucht am Beispiel der Hansestadt Hamburg die Veränderungen und Widersprüche in der Betrachtung des Schmuggels seit den 1950er Jahren. Dabei stehen die Sicht des Zolls und der Massenmedien auf den Drogenschmuggel im Mittelpunkt der Werkes. Behandelt werden unter anderem folgende Themen: – Phänomenologien der Kontrollinstanzen (vom Liebesgaben- zum Intelligenzschmuggel) – Gefahreneinschätzung des Schmuggels durch den Zoll (von staatsbedrohlicher Steuerunehrlichkeit bis zur Organisierten Kriminalität) – Entstehung des so genannten “Schmuggelprivilegs” – Verwerflichkeit und Legitimität des Schmuggelaktes (Erklärungskonzepte der Presse) – Bedeutung der Arbeitsökonomie von Strafverfolgung und Medien im Bedingungsgefüge der Außenbetrachtung – Kontinuitäten und Brüche im Schmuggelimage – Parallelen im Umgang mit dem Schmuggel illegaler und legaler Drogen

Sebastian Scheerer: Die Zukunft des Terrorismus: Drei Szenarien

Bekämpfung des internationalen Terrorismus ist zum obersten Ziel einer weltweiten Allianz von Staaten geworden. Mit einer in dieser Größenordnung bisher unbekannten Anstrengung soll die Verkörperung des “Bösen schlechthin” niedergerungen werden. Eine nur dem kleinen Kreis von Eingeweihten bekannte Zahl so genannter “Schurkenstaaten” steht auf der Liste potentieller Angriffsziele. Die Dämonisierung des Terrorismus aber hat zur paradoxen Konsequenz, dass bestätigt und verstärkt wird, was mit allen zu Gebote stehenden militärischen und geheimdienstlichen Mitteln bekämpft werden soll. Sebastian Scheerer wechselt in dieser Abhandlung daher die Perspektive von der einer unmittelbaren militärischen Bekämpfung zu der des Verstehens. Verstehen bedeutet dabei weder gutheißen, noch verzeihen. Scheerer will gedanklich nachvollziehbar machen, was Menschen zu terroristischen Handlungen motiviert und sie gegen alle Hindernisse und inneren Skrupel auch ausführen läss t. Nur in dieser Perspektive werden monströse Taten wie die Anschläge auf das World Trade Center und das Pentagon der Ratio zugänglich. Und nur in dieser Perspektive wird die Frage nach der Zukunft des Terrorismus überhaupt bearbeitbar. Betrachtet man Terroristen aber als auch rationale Akteure und Terrorismus als eine gelegentlich durchaus erfolgreiche Strategie der symbolischen Nutzung physischer Gewalt, kann auf ihn intelligenter reagiert werden. Während eine Welt ohne Raub und Mord kaum denkbar ist, muss die Hoffnung auf eine Welt ohne Terrorismus nicht von vornherein als unrealistisch gelten. Er entsteht nur unter sehr spezifischen Bedingungen. Starke gesellschaftliche Spannungen sind ebenso nötig wie die Existenz einer scheinbar unerschütterlichen Hegemonialmacht, eine extrem motivierende Ideologie und eine wirkungsmächtige Organisation. Erst wenn diese Bedingungen nicht mehr sind, kann auch der Terrorismus überwunden werden – nicht aber durch blinde militärische Bekämpfung.

Claudia Stierle: Entscheidung zu Crack?: Eine handlungstheoretische Erklärung des Crackkonsums

Konsumenten von Crack: Selbstbestimmte Entscheider oder Marionetten ihrer Sucht? Letzterem entsprechend wird in der medialen Darstellung Crack häufig als „teuflische“ Droge dargestellt, deren Gebrauch in eine sofortige und unwiderrufbare Sucht mündet. Die Konsumenten entwickeln sich dabei zu aggressiven und unkontrollierten Wesen. Die Gründe für diese öffentliche Sichtweise über die Folgen des Crackkonsums ist dabei vor allem auf die mediale Berichterstattung in den USA in den 80er Jahren zurückzuführen.
Welche der beiden möglichen Sichtweisen zutrifft, wird mit Hilfe einer Befragung von 30 Cracknutzern anhand folgender forschungsleitender Fragestellungen untersucht: Handelt es sich bei Crack um eine Droge, welche die Konsumenten unausweichlich zu aggressiven und unkontrollierten ‚Marionetten’ ihrer Sucht werden lässt oder kann der süchtige Konsum dieser Substanz vielmehr als Endstadium einer langen vorausgegangenen Drogenkarriere betrachtet werden, der nur auf einen kleinen Konsumentenkreis zutrifft? Welche Konsummodi existieren tatsächlich unter den Crackkonsumenten und inwieweit lassen sich diese handlungstheoretisch i. S. bewusster Wahlalternativenentscheidungen interpretieren? Welche gesellschaftlichen Determinanten beeinflussen den Handlungs- und Entscheidungsprozess der Crackkonsumenten? Inwiefern wirken das Setting und die vorhandenen Restriktionen der Konsumenten auf deren Konsummodus sowohl zum Zeitpunkt des erstmaligen Crackgebrauchs als auch zum Zeitpunkt des fortgesetzten bzw. beendeten Konsums dieser Droge ein?
Die meisten bisher vorhandenen Studien zum Substanzmissbrauch erheben Daten zu Art und Ausmaß des Konsums, um Entwicklungstrends im Konsumverhalten aufzeigen zu können. Die lebensweltorientierten Hintergründe und Ursachen des Drogengebrauchs werden dabei weitestgehend ausgeblendet, so dass empirisch fundierte Aussagen zu den Erklärungsvariablen des Rauschmittelkonsums hierdurch nicht möglich sind. Die Untersuchung überwindet durch die Berücksichtigung der konsumbeeinflussenden Lebenswelt der Konsumenten die Grenzen der quantitativen Studien und gibt Aufschluss über die motivationalen und kognitiven Ursachen des Drogenkonsums.

Gesa Thomas: Helden rauchen nicht!?

Comics spiegeln – wie andere Medien auch – durch deren Thematisierung die gesellschaftliche und kulturelle (Be-)Deutung von Drogen durch deren Thematisierung wider. Mit der von Gesa Thomas am Institut für Kriminologische Sozialforschung der Universität Hamburg erarbeiteten Studie liegt erstmals eine Untersuchung des Mediums Comic vor, in der der Umgang mit der Drogenthematik im Comic aus kriminologischer Perspektive betrachtet wird. Das Buch bietet nicht nur Comicliebhabern, an der Drogenthematik Interessierten oder Kriminologen aufschlussreiche Blicke auf die gesellschaftlichen Dramatisierungs-, Skandalisierungs- und Kriminalisierungsprozesse in Bezug auf die Darstellung von Drogen im Comic und die bestehenden Annahmen über deren Rezeption. Am Beispiel der seit 60 Jahren erscheinenden Comicserie Lucky Luke wird aufgezeigt, wie formelle und informelle Zensur die Darstellung von legalen und illegalen Drogen im Comic beeinflusst. Die Drogendarstellung wird in den Kontext der Drogengeschichte gesetzt, um festzustellen ob die Darstellung frei gestaltet wird oder den bestehenden moralischen Ansprüchen angepasst werden muss.

Jan Wehrheim: Der Fremde und die Ordnung der Räume

Die Soziologie des Fremden ist auch eine Soziologie der Großstadt. Große Städte zeichnen sich dadurch aus, dass sie Orte des Fremden sind. Deshalb stehen sie gleichzeitig für Fortschritt, Emanzipation und Verunsicherung. Wie aber beeinflussen Räume die Begegnungen von Fremden und wie Fremde die Wahrnehmung von Raum? Welche Rolle spielt dabei Kontrolle? Lässt sich öffentlicher Raum auch als Mosaik denken? Eine soziologische Standortbestimmung. Der Autor stellt dar, wie Verhalten vor allem über die Gestaltung und funktionale Ausrichtung von Raum kontrolliert und gelenkt wird, und wie neben sozialer Kontrolle Institutionalisierung und lokale Sozialisation die Wahrnehmung von Räumen und Fremden beeinflussen. Neben großstadttypisches indifferentes Verhalten treten unterschiedliche Formen von Disziplinierung, dörflicher Vertrautheit, Selbstanpassung und Exklusion. Die Art und Weise, wie unterschiedliche Räume produziert werden und die jeweils zugrunde liegenden Herrschaftstypen bilden Ausgangspunkte für entsprechende räumliche Differenzierungen, und sie bestimmen darüber hinaus Möglichkeiten, Räume abweichend von ihrer Produktionsintention zu konstruieren. Dabei werden traditionelle, bürgerliche Vorstellungen von öffentlichem Raum hinterfragt und gezeigt, dass selbst der Normalismus von Shopping Malls als Teil eines “flüssigen Mosaiks” urbaner Öffentlichkeit begriffen werden kann. Die Öffentlichkeit der Großstadt resultiert erst aus der Summe ihrer segregierten Teilöffentlichkeiten.

Jan Wehrheim: Die überwachte Stadt

Im Buch werden Zusammenhänge zweier aktueller Entwicklungen in europäischen und nordamerikanischen Städten untersucht: zwischen Prozessen „sozialer Ausgrenzung“ einerseits und neueren Ausprägungen räumlich orientierter sozialer Kontrolle andererseits. Die erste Auflage erschien 2002 bei Leske + Budrich, Opladen.
Mauern, Videoüberwachung und andere Inszenierungen von Sicherheit markieren neue Grenzen in europäischen und us-amerikanischen Städten. Armutsquartiere entstehen neben strahlenden Einkaufszentren, Business Improvement Districts und Quartieren der Wohlhabenden. Gated Communities sind das schnellst wachsende Segment auf dem amerikanischen Wohnungsmarkt. In ihnen wie in Shopping Malls oder Bahnhöfen wird das private Hausrecht der Eigentümer durch kommerzielle Sicherheitsdienste durchgesetzt. Ästhetik und Architektur öffentlicher Räume beeinflussen die Möglichkeiten ihrer Nutzung und wirken als soziale Filter. Die Verrechtlichung des Verhaltens in de jure privaten wie öffentlichen Räumen reglementiert zunehmend deren Nutzungsmöglichkeiten, beeinflusst ihre Zugänglichkeit und befördert dabei neue Kriminalisierungsprozesse von Personen und Handlungen. Dabei scheinen zwei Entwicklungen komplementär zu verlaufen: die soziale – und räumliche – Polarisierung in Städten einerseits und die zunehmende Kontrolle konkreter Räume andererseits. Soziale und kulturelle Segregation werden sicherheitstechnisch überhöht. Es entstehen unterschiedliche, aber zeitlich und räumlich parallele Normativitäten. In dem Maße, in dem die Schere zwischen arm und reich in den Städten sichtbar auseinander geht und sich Politik primär an ökonomischen Kategorien orientiert, in dem Maße steigen auch die Bestrebungen, neu entstehende, reale oder imaginäre, Grenzen zwischen den Räumen der Gewinner der Modernisierung und denen der Verlierer zu kontrollieren. Das Buch verdeutlich anhand neuer Raumtypen das Zusammenspiel der Dimensionen raumbezogener Kontrolle – Technik, Recht, Organisation und Architektur und zeigt die Konsequenzen für die Stadtgesellschaften auf.

Karl Weilbach: AMOK Es sieht so aus, als würde ich der Wolf sein: Eine kriminologische Einzelfallstudie zur Amoktat von Zug (CH)

Am 27. September 2001 tötete der 57-jährige Friedrich Leibacher im Kantonsparlament von Zug (CH) 14 Abgeordnete; 15 weitere Personen wurden zum Teil schwer verletzt. Der Täter ließ seinen Opfern keinerlei Möglichkeit der Gegenwehr und erschoss sich auf dem Regierungspodest selbst.
Amoktaten gelten gemeinhin als besonders irrational, unvorhersehbar und unverständlich, sind damit aber kaum einer Prävention zugänglich. Demgegenüber versucht die hier vorliegende kriminologische Studie, die Möglichkeiten zur Erklärung vorgängiger Prozesse auszuloten. Diese Einzelfallanalyse stellt eine Ausnahme in der deutschsprachigen Amokforschung dar: Zur Untersuchung der Zuger Ereignisse konnte auf die vollständigen Ermittlungsakten, aber auch auf zahlreiche Originalschriften des späteren Täters zurückgegriffen werden.
Die Anwendung von verschiedenen Theorien unterstützt zwar die Einblicknahme in das Denken, Fühlen und Handeln des späteren Mörders. Dennoch bleiben Fragen zur Entscheidung und Umsetzung seiner Mehrfachtötung offen. Deshalb wird in einem weiteren Schritt ein sogenanntes Fragmentierungs-Entgrenzungs-Modell (FEM) entworfen. Mit dessen Hilfe lässt sich rekonstruieren, wie der Täter in sich jegliche Tötungshemmung abbaut und zielgerichtet zum Gestalter seines mörderischen Handelns wird. Die Untersuchung des Falls Friedrich Leibacher vermittelt fruchtbare Anregungen für die weitere kriminologische Erforschung von Amok und ist ein Beitrag zur Kriminalprävention.

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