facebook Policing FacebookDie Art und Weise in der Facebook Inhalte zensierte (oder nicht zensierte), die von Usern geposted wurden, führte in den letzten Jahren häufiger zu Protesten (Näheres hier). Dabei wurde häufig kritisiert, dass Facebook willkürliche Entscheidungen trifft und für die NutzerInnen nicht klar erkennbar ist, nach welchen Maßstäben geurteilt wird. Die “Community Standards” an die sich NutzerInnen halten müssen, benutzen zu viele vage Konzepte, um hier von großem Nutzen zu sein.

Nun hat der Blog gawker.com das “Operation Manual” von Facebook zugänglich gemacht, nach dem ModeratorInnen entscheiden, welche Inhalte bleiben dürfen und welche gelöscht werden.  Das Handbuch wurde dem Blog zugespielt von Amine Derkaoui, einem marokanischem Mann, der über eine externe Firma für Facebook arbeitete. Derkaoui, der für seine Tätigkeit gerade einmal einen Stundenlohn von 1$ erhielt, fasste seine Motivation für dies so zusammen: “It’s humiliating. They are just exploiting the third world”

Wenn man sich das Handbuch ansieht, ist zuerst einmal auffällig, wie viel der Beurteilung vom Kontext und von Absicht des Posters abhängig ist. Bilder, die Tierquälerei zeigen, sind verboten, außer sie zeigen einen Teil der Fleisch-Produktion. “School fight videos” sind dann verboten, wenn sie dem Zweck dienen, das Opfer weiter zu quälen. “Hate symbols” dürfen dann geposted werden, wenn sich der Poster eindeutig von ihnen distanziert. So weit, so gut.  Eine gewisse Flexibilität in der Auslegung von Regeln ist wohl nötig, um nicht unnötig viel zu zensieren.

Etwas skurriler wird das Ganze bei den Themen Sexualität und Gewalt. Alle Zeitungs-/Blogartikel, die ich zu dem Thema gelesen habe, stellten schon in der Schlagzeile klar heraus wie seltsam die Bewertungen in diesen beiden Bereichen anmuten. “Inside Facebook’s Outsourced Anti-Porn and Gore Brigade, Where ‘Camel Toes’ are More Offensive Than ‘Crushed Heads’”  ist der Original-Post von Gawker betitelt. Die taz hält es kurz und knackig mit “Nippel nein, Fleischwunde ja!” In der Tat, scheint ein gewisser Doppelstandard dabei zu herrschen wie Gewalt und Sexualität (bzw. Nacktheit) bewertet werden. Mit Gewalt und körperlichen Verletzungen wird relativ flexibel Umgegangen (es ist ok so lange keine Organe und Knochen gezeigt werden), Darstellungen von Sexualität und menschlichen Körpern unterliegen sehr klaren Regeln. Keine offensichtlichen Darstellungen von Sex, keine weiblichen Nippel, keine Geschlechtsorgane.

Während dies vielleicht unpassend anmutet, ist es alles andere als verwunderlich. Die Facebook-Regeln spiegeln in diesem Aspekt ziemlich genau die Regeln da, die auch im amerikanischen Fernsehen (und damit auch auf deutschen Bildschirmen) gelten. Zwei Merkmale lassen hier vor allem erkennen:

  1. Die Toleranz für Gewalt ist viel höher als die für Sexualität. (Siehe auch hier)
  2. Sexualität wird an starren Grenzen definiert, die dafür Sorgen, dass einerseits Materialien, die relativ harmlos sind, zensiert werden und andererseits sexuell sehr Explizites gezeigt werden kann. In anderen Worten, Onkel Gerd und Tante Frida müssen die Photos vom letzen Urlaub am FKK-Strand für sich behalten, das hier zu posten oder im Vorabend-Programm zu zeigen, ist voll ok.

Woher diese seltsamen Wertungen stammen oder wem sie nützen, kann ich auch nicht sagen. (Aber vielleicht hat jemand anders hier eine Idee?) Sie sind auf jeden Fall keine Erfindung von Mark Zuckerberg. Dieser hat sich lediglich entschlossen, sein Imperium nach demselben moralischen Regelwerk seiner Herkunftskultur zu regieren.

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2 Responses to Policing Facebook

  1. Gleiches gilt – wie Du ja auch andeutest – auch für (amerikanische) Filme. Hier kann ich den Dokumentarfilm “This film is not yet rated” (2006) empfehlen. Einen sehr unterhaltsamen Trailer gibt es u.a. auch auf YouTube zu sehen: http://www.youtube.com/watch?v=dDqxuGlxbWc

  2. Spiegel Online berichtet heute über die Arbeit der “Facebook Polizei” und bezieht sich dabei auf die Aussagen eines Facebook-Mitarbeiters gegenüber des Online-Magazins The Verge | Inside Facebook security: defending users from spammers, hackers, and ‘likejackers’.