Soziale Konstruktion von Verbreche(r)n
Welche Gestalt hat eigentlich Verbrechen? Glaubt man dem Spielzeughersteller Playmobil, dann ist Verbrechen ein ausschließlich männliches Phänomen und beschränkt sich auf Eigentumsdelikte (Geldraub und Juwelendiebstahl). In der ansonsten bunten Playmobilwelt sind Verbrecher dunkelhaarig, tätowiert, haben kleine – zu Schlitzen verengte – Augen und buschige Augenbrauen. Sie tragen überwiegend dunkle (Motorrad-)Kleidung und einen Dreitage- oder Vollbart (siehe auch hier und hier).
Im Gegensatz dazu sind die sowohl männlichen als auch weiblichen Gesetzeshüter(innen) blond oder brünett, haben große Augen, keine Augenbrauen und tragen blaue Polizeiuniformen.
Das hier konstruierte Bild(nis) von Verbrechern erinnert unweigerlich an die Tätertypenlehre Cesare Lombrosos. Der italienische Arzt und Gerichtsmediziner war im ausgehenden 19. Jahrhundert anhand der Vermessung von Schädeln und der Beschreibung von Körpermerkmalen von Strafgefangenen und Hingerichteten zu dem Schluss gekommen, dass der Hang zum Verbrechen biologisch determiniert sei; Verbrechen sei schlicht ein Verhaltensatavismus. Der entwicklungsgeschichtlich rückständige geborene Verbrecher („homo delinquens“) sei unmoralisch, triebgesteuert, faul, eitel und unsensibel gegenüber Schmerzen. Äußerlich würde sich der Delinquent durch schielende Augen, Tätowierungen und eine fliehende Stirn auszeichnen.
Ebenfalls interessant erscheint mir, dass im deutschen Playmobilkosmos ausschließlich Menschen kaukasischer Herkunft mit weißer Hautfarbe zu existieren scheinen; ganz anders z.B. in der US-amerikanischen Playmobilwelt (siehe: The Social Construction of Race by Playmobil).
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4 Kommentare zu Soziale Konstruktion von Verbreche(r)n
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[...] Verbrecher sind “dunkelhaarig, tätowiert, haben kleine – zu Schlitzen verengte – Augen und buschige Augenbrauen. Sie tragen überwiegend dunkle (Motorrad-)Kleidung und einen Dreitage- oder Vollbart”: bei Playmobil (hier und hier). Via Criminologia. [...]
Bemerkenswert fand ich, dass ein heikles Thema wie Wilderei angeschnitten wird, auf das du ja auch verlinkt hast – wobei man der Wildererfalle wohl auch nur eine lächelnde Biologin zur Seite stellen muss, um saubere Buschromantik zu garantieren. Ich bin jedenfalls gespannt auf die neuen Playmobilserien zu Steuerstraftaten, Filesharing und häuslicher Gewalt.
Bei LEGO gibt es inzwischen ja auch allerhand unique pieces, aber zumindest zu meiner Kinderzeit waren wenigstens die Legogesichter (in ethnisch unberechenbarem Gelb) untereinander austauschbar (ich muss gestehen, ich hatte in meiner revolutionsgeschüttelten Ritterburg ein Becken mit abgetrennten Köpfen) und wurden erst durch kindliche Phantasie und v.a. durch ihre Kopfbedeckung zu Delinquenten, Piraten oder Steuerberatern.
Ich hatte kurz überlegt, diesen Artikel auszuweiten und auch Lego und andere Spielzeughersteller mit einzubeziehen, habe dann aber angesichts knapper Zeitressourcen darauf verzichtet. Es wäre aber sicherlich eine lohnenswerte Arbeit, sich einmal ausführlich mit dem Thema “Darstellung von Verbrechen und Verbrechensbekämpfung & Kinderspielzeug” auseinanderzusetzen.
Ich war auch überrascht, festzustellen, dass Playmobil den weiblichen Spielfiguren mittlerweile Brüste zugesteht. So viel Sexualität wurde kleinen Jungen zu meiner Kinderzeit noch nicht zugemutet und war alleiniges Privileg der (Mädchen-)Barbie-Welt.
Ich konnte/wollte/sollte nie Prinzessin sein.
Hatte als Kind kurze Haare, weil das damals sportlich und praktisch war. Als Mädchen habe ich sämtliche Omas und Tanten schockiert und Puppengefängnis gespielt, der teuren Puppe die Haare abgeschnitten und im Puppenwagen den jüngeren Bruder ausgefahren. Dieser sollte dann später, als er im Kindergarten war, als Prinz Dornröserisch von meiner Freundin freigeküßt werden, fand das albern und heulte sich bei der Oma aus mit dem Hinweis, dass Weiber blöde sind. Ich hingegen wollte Polizistin werden, wurde es aber nicht.