Gemeinsamkeiten zwischen Islamisten, Neonazis und unseren Medien
Heute kann man auf Spiegel-Online zwei Artikel lesen mit den Titeln: Verfassungsschutz sieht ideologische Allianz zwischen Neonazis und Islamisten und De Maizière verbietet Hamas-Spendenverein. Der letzte Artikel berichtet über den Beschluss einen in Deutschland ansässigen Förderverein Namens IHH (Internationale Humanitäre Hilfsorganisation) zu verbieten. Die IHH hat Spendengelder für den Gaza-Streifen und die Palästinenser gesammelt und eng mit der Hamas zusammengearbeitet. Auch wenn es sich bei der IHH, trotz der Namensidentität, nicht um die Organisatoren der vor kurzem gestoppten Hilfsschiffe handelt (diese tragen den selben Namen, sind aber in der Türkei ansässig), haben sie in der Vergangenheit durch ihre zahlreichen sozialen Engagements auf sich Aufmerksam gemacht. Der Vorwurf, die finanzielle Unterstützung der Hamas-Führung und die Hilfsprojekte vor Ort, würden für die so genannte Terrororganisation der Hamas werben und ihnen den finanziellen Freiraum ermöglichen, um bewaffnet gegen Israel anzugehen, wird bekräftigt durch ein moralisches Argument. Der Innenminister spricht davon, dass “Organisationen, die sich unmittelbar oder mittelbar von deutschem Boden aus gegen das Existenzrecht Israels richteten, hätten ihr Recht auf Vereinigungsfreiheit verwirkt”.
Der erst genannte Artikel wiederum zeigt vermeintliche ideologische Überschneidungen zwischen Islamisten und Rechtsextremen in Deutschland auf. Der gemeinsame Feind (Israel und die Juden) scheint die unterschiedlichen Gruppen zu vereinen. Angriffe mit antisemitischen Motiven werden häufiger, vor allem muslimische Jugendliche werden immer öfter auffällig, dieser Trend ist nach dem Autor europaweit zu beobachten. Die Artikel nehmen keinen Bezug aufeinander, aber würde man die Argumentationslogik von Innenminister De Maizière direkt übertragen auf rechtsextreme Vereine, so müsse man in Deutschland noch einigen Gruppierungen das Recht auf Vereinigungsfreiheit entziehen. Die Tatsache, dass antisemitische Argumentationen für verschiedene ideologische Perspektiven gebraucht werden, ist kein neues Phänomen. Verschwörungstheorien von Globalisierungsgegnern und der ewig andauernde Konflikt in Palästina, haben allerdings der Vielfalt von einfach strukturierten schwarz-weiß Logiken eine neue Dynamik verliehen, die es zu untersuchen gilt. Das Internet als globales Medium bietet in zahlreichen Foren Raum für Menschen mit gleichen Ansichten, denn die Versammlungsfreiheit im world wide web kann nur schwer entzogen bzw. kontrolliert werden. Dies macht deutlich, dass der Vorstoß von De Maizière nichts weiter ist als eine symbolische Politik zur Verdeutlichung der deutschen Solidarität mit Israel und den Juden. Anstatt solch unnötige Verbote zu erlassen und dadurch noch weitere Möglichkeiten, als Beweis der staatlichen Restriktion, für Extremisten zu generieren, sollten wir untersuchen, wieso einfache Ideologien so beliebt sind. Verschwörungstheorien bieten simple Erklärungen für historische Geschehnisse und/oder aktuelle Zustände, hierbei werden immer signifikante Andere bestimmt, eine kleine Gruppe von Personen, die sich im Geheimen bewegen und Einfluss auf die Gesamtheit ausüben. Die immer komplexer werdenden Gesellschaften, sind aufgrund ihrer vielfältigen Vernetzungen kaum noch zu überschauen. Unsere Metropolen sind globale Dörfer, in denen sich unterschiedlichste Menschen täglich begegnen. Der globale Wettbewerb hat die Arbeitswelten der Menschen beschleunigt, die Spätmoderne zeichnet sich durch einen hohen Grad an Wandel, Schnelllebigkeit und Unsicherheit aus. Zygmunt Baumann und Ulrich Beck beschreiben dies als liquid modernity oder risk-society, gemeint sind die fehlenden Sicherheiten, der vereinende Glaube und das Vertrauen auf eine positive Zukunft, an einen Fortschritt der Gesellschaft. Dies führt zur Entfremdung der Menschen, sie haben kein Vertrauen mehr in hiesige Strukturen, Autoritäten und Systeme. Verschwörungstheorien, egal ob antisemitisch Motiviert oder nicht, bieten alternative Erklärungen, indem sie die de-legitimiert erscheinenden Systeme als Schuldige inszenieren und es ermöglichen den täglichen Veränderungen und Geschehnissen eine Bedeutung zu verleihen. Sie erstellen eine kognitive Karte, in der die ontologischen Unsicherheiten unserer Zeit markiert und somit kennbar gemacht werden. Islamisten nutzen diese Logik und verweisen auf den Konflikt in Palästina um die Unterdrückung der Muslime zu untermauern. Neonazis nutzen Israel und die Juden als Feindbild um ihre eigene Marginalisierung zu erklären. Die Unsicherheiten der Spätmoderne haben zur Folge, dass solch vereinfachte Erklärungsmuster immer häufiger genutzt werden, das Internet als alternative Informationsquelle bietet zahlreiche Quellen und Raum für verschwörungstheoretische Fantasien. Vor allem sozio-ökonomisch marginalisierte Jugendliche und Migrantenkinder sind sehr anfällig, da sie zu den Verlierern der Globalisierung gehören und am stärksten von den Unsicherheiten unserer Zeit betroffen sind. Jedoch kann man diese vereinfachten Muster durchaus auch in anderen Inszenierungen finden. Die westlichen Medien sind sehr bemüht Islamisten im Allgemeinen und jugendliche Muslime im besonderen, als problematische Gruppe zu dämonisieren. Sie werden auf den kognitiven Karten ihrer Leser markiert und können durch ihre religiöse Überzeugung erkennbar gemacht werden. Der Nachrichtengehalt vieler Berichte ist häufig unverhältnismäßig zur Aufmachung. Kleine unbestimmbare Gruppen agieren aus dem Hinterhalt und gefährden unser gesellschaftliches Miteinander. Religionszugehörigkeit oder andere simple und zugleich unveränderliche, aber signifikante Merkmale dienen zur Stigmatisierung und werden zugleich als Begründung für die Gefährlichkeit genutzt.
Simple Erklärungsversuche komplexer Realitäten führen unvermeidlich zur Stigmatisierung und nähren dadurch den Boden für Feindseligkeiten und Hass. Dies gilt sowohl für islamistische Extremisten als auch für Neonazis, aber auch für die Politik und natürlich für die Medien, welche als Kommunikationsmedium und Informationsquelle unsere Gedankenwelten prägt und teilweise bestimmt. Die westlichen Medien haben sicherlich keine ideologische Allianz mit Neonazis und Islamisten, aber ihre Gemeinsamkeit ist die problematische Systematik der Erklärungsansätze.
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2 Kommentare zu Gemeinsamkeiten zwischen Islamisten, Neonazis und unseren Medien
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Ja und?
Ist doch längst bekannt.
Haben sich doch NPD und die Linken dem Sozialismus verschrieben – wenn sie nicht gerade an Israel rummäklen..
@ mickaela
Ich habe mit diesem Beitrag nicht versucht die Welt neu zu erfinden, mein Anspruch war es nicht eine neue Sichtweise zu schaffen. Ich habe nur erwähnte Beiträge gelesen und mich aufgeregt! Denn “Ja und” kann ich nicht hinnehmen. Der Beitrag hier im Blog ist mein Ventil um die Aufregung abzubauen. Ich hoffe das Lesen war trotzdem nett. Und zum Schluss noch, das mit NPD, Linke und Sozialismus kannst du gern mal vertieft in einem Beitrag hier veröffentlichen, hört sich auf jeden Fall interessant an.