Winnenden … und dann?
Ein Blick auf die zurückliegenden Beiträge auf diesem Blog offenbart schnell, dass ein Thema, das die letzten 10 Tage in der deutschen Medienlandschaft omnipräsent war, auf Criminologia weitestgehend ausgespart wurde: der Amoklauf in der Albertville-Realschule in Winnenden.
Bewusst habe ich mich dafür entschieden, mich nicht an der Verbreitung immer neuerer Mutmaßungen zu beteiligen (Gab es eine Tatankündigung im Internet?, War der Täter Sportschütze? Wurden Depressionen stationär, ambulant oder vielleicht überhaupt nicht behandelt? Hat der Amokläufer Ego-Shooter gespielt – etwa auch Counterstrike?) und den Vorfall nicht weiter zu kommentieren.
Dabei möchte ich es auch belassen; aber – mit der freundlichen Genehmigung des Autors – einen Auszug aus dem Lehrstuhl-Newsletter von Prof. Dr. Roland Hefendehl am Institut für Kriminologie und Wirtschaftsstrafrecht an der Universität Freiburg zitieren. Der Beitrag ist m.E. eine sehr gelungene Zusammenfassung der durch Hysterie, Fassungslosigkeit und blinden Aktionismus gekennzeichneten Diskussion über die geeigneten Reaktionen auf den Amoklauf.
Winnenden: Wir wollen alles wissen
Winnenden macht alle munter, die noch leben. Und selbst die Toten werden uns präsenter, als sie den meisten während ihres Lebens waren.
Christian Pfeiffer veröffentlicht „just in time“ seine neue KFN-Studie zu Computerspielabhängigkeit im Kindes- und Jugendalter und verkneift sich lediglich aus der ihm eigenen noblen Zurückhaltung den Hinweis, dass er es schon immer vorhergesehen habe, jetzt nicht in Winnenden, aber irgendwo schon. Lehrer und Vereinsfunktionäre haben ihre große Stunde, wenn sie Tim als zurückhaltenden, in sich gekehrten Menschen charakterisieren. Schützenvereine werden wach und gerieren sich als weise Pazifisten, indem die Waffen nicht an einem Ort, sondern auf der ganzen Welt verstreut werden. In Schulen wird der Ernstfall trainiert: Die Starken, also die Jungen, sollen die Schränke vor die Türe schieben, der Allerstärkste und im Häuserkampf Erprobte erklärt sich schon einmal heldenhaft dazu bereit, dem Amokläufer ein Bein stellen zu wollen. Nur schade irgendwie, dass es so lang dauert, bis wieder was passiert.
Ja, damit werden wir uns wohl alle abfinden müssen. Und eigentlich wäre Zeit genug, sich den zähen, nachhaltigen und kostspieligen Maßnahmen zuzuwenden, die bisweilen – etwas schief – mit primärer Prävention umschrieben werden. Denn sie sind gerade nicht in den Parametern von Aufwand und Ertrag bewertbar, sondern werden deswegen forciert, weil man eine derartige Familien-, Schul- oder Sozialpolitik schlicht für in unserer Gesellschaft alternativenlos hält. „Zäh“ und „kostspielig“ sind in der Politik wie auch sonst aber keine sonderlich attraktiven Bewertungen, und auch die „Nachhaltigkeit“ interessiert in den allenfalls nach halben Legislaturperioden bemessbaren Politikerzeiten eigentlich kaum jemanden.
Und so wendet man sich lieber den Maßnahmen der technischen Prävention wie der Zentralverriegelung, technischen Einlasskontrollen, flächendeckenden Videoüberwachung oder privaten Wachschützern zu, ohne sich einzugestehen, dass sie eben nur eine bestimmte Situation zu beherrschen vermögen und mit gravierenden Nebenwirkungen verbunden sind. Oder man reduziert den Menschen auf einen simplen Reiz-Reaktion-Automaten und reglementiert bestimmte Reize. Wenn dann auf jedem Schuldach eine Videokamera steht und ein bestimmtes Arsenal von Computerspielen nur noch etwas mühsamer zu erhalten ist, wird der nächste Amoklauf lange auf sich warten lassen. Sehen Sie!
[Quelle: LS Hefendehl, Lehrstuhlnewsletter vom 20.3.2009, online verfügbar unter: http://www.strafrecht-online.org/index.php?scr=newsletter]
Ein weiterer lesenswerter Beitrag zum Thema ist bei Sueddeutsche online zu finden: Sueddeutsche vom 16.03.2009: Die Statistik des Leids. Autor dieses Beitrages ist der Kriminologe Dr. Frank Robertz, Gründer des Instituts für Gewaltprävention und angewandte Kriminologie und Autor einer der wenigen deutschsprachigen Fachpublikationen zum Thema (Robertz/Wickenhäuser: Der Riss in der Tafel. Amoklauf und schwere Gewalt in der Schule, Heidelberg (Springer Medizin Verlag) 2007).
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3 Kommentare zu Winnenden … und dann?
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Nicht vergessen sollte man in diesem Kontext auch den Auftritt von Joachim Kersten auf N-TV:
da kann man Herrn Kersten nur zustimmen: Wenn man einen Amoklauf als einen erweiterten Suizid versteht, gilt es, mit Bedacht über solche Taten zu berichten. Dass angesehene Medien (wie beispielsweise Spiegel online) darauf hinweisen, dass ein Handyvideo vom finalen Schusswechsel des Täters mit der Polizei im Internet verfügbar ist (einschließlich der Bereitstellung des Links auf die entsprechende amerikanische Seite), empfinde ich als sehr verantwortungslos.
Und großartig, wie Kersten davor warnt, daß man doch keine unkommentierten Bilder einfach so laufen lassen dürfe, während N-TV gerade unkommentierte Bilder einfach so laufen läßt …
Und wie er die Moderatoren darauf hinweist, daß er ihre Fragen nicht beantworten werde weil er nicht herumspekulieren wolle, fand ich sehr vorbildlich, wenn man das mit anderen ‘media criminologists’ vergleicht.